siebzehn

Im Entzug. Wenn du nicht mehr weiter weißt, tritt einen Schritt zurück, verschaff dir ein größeren Überblick, betrachte das Gesamtbild. Eine Verrücktheit im Grunde, sich immer wieder auszusetzen, den Anderen auszusetzen und dann fragen sie: ist das real und ich hab gar keine Antworten mehr, ich kann mich nur aussetzen und aussetzen im Wechsel; im Wechselspiel der Gefühle sitzen wir uns gegenüber und du redest oder ich, es macht bald keinen Unterschied, im Kopf ist es das selbe, jede Begegnung gerinnt.

sechszehn

Wahrscheinlich war es Zufall aber als ich gerade auf dem Fahrrad die Oderstraßenbrücke überquerte, überkam meinen Körper die ungetrübte Gewissheit, nicht mehr leben zu wollen. Ich sah ihn über das Geländer klettern und auf die Schienen stürzen. Das würde kein Problem darstellen, er hatte viel trainiert in den letzten Monaten, war häufig im Fitnessstudio gewesen, hatte ausreichend Muskeln aufgebaut, es wäre ein leichtes, ihn über das Geländer zu heben und Fallen, Fallen war wirklich einfach. Mein Körper hatte nicht ein mal mehr Angst, so klar war ihm diese Gewissheit, so klar und eindeutig wusste er mit einem mal, dass seine Existenz weder mit Freude, noch mit Sinn angereichert war. Er fand nicht nur sein eigenes Menschsein überflüssig, sondern die ganze Menschheit an sich erbärmlich und nicht für erhaltenswert. Wahrscheinlich war es Zufall aber als ich einige Meter später die Kreuzung zur Mariannenstraße überquerte, überkam meinen Körper solch ein heftiger Druck, dass ich uns nach einigen Sekunden der Orientierungslosigkeit auf der Straße liegend wiederfand. Eine aufgebrachte Stimme fragte immer wieder, ob alles in Ordnung sei und ohne wirklich zu wissen, ob alles in Ordnung war, schlicht dem Impuls folgend, die Stimme würde in Folge einer positiven Antwort endlich verstummen, sagte ich: ja. Erst dann begriff ich, dass ich auf der Straße lag, weil ich auf dem Fahrrad sitzend von einem Auto erfasst wurde. Ich war ohne auf den Verkehr zu achten, auf die Kreuzung zugefahren und da half auch das reaktionsschnelle Bremsen der lauten Stimme hinter dem Steuer nichts, das Auto erfasste mich, offenbar war mein Körper mehrere Meter über die Straße geschlittert und so lag er nun da, zum Teil begraben unter meinem Fahrrad und immer noch fragte die Stimme, ob alles in Ordnung sei, ob ich sie denn nicht gesehen hätte, dass ich keine Vorfahrt gehabt hätte, ob sie einen Rettungswagen rufen solle. Ich versuchte den Kopf zu schütteln aber da, wo sonst der Hals war, war nur noch eine Masse von Zellen, über die ich offenbar keine Befugnis mehr hatte. Auch wenn ich versuchte, einen anderen Teil meines Körpers zu bewegen, war da nichts, keine Arme oder Beine, nur dieses Ja, das ich vor einer ganzen Weile zur Beruhigung der Frauenstimme meinem Mund entrungen hatte. Es dauerte eine Weile, bis mein Körper zu mir zurück fand, bis ich den Kopf schütteln und meine Arme heben konnte. Aber nach einer Weile war dann doch alles wieder da, meine Arme und Beine wanden sich unter dem Fahrrad empor. Ja, alles noch intakt und funktionsfähig. Auf der rechten Seite suchte sich langsam ein brennender Schmerz seine Bahnen. Auch das ein Lebenszeichen, dachte ich und versicherte der Frau ein weiteres Mal, dass es mir gut gehe. Es war mir wohl wirklich nichts passiert, weder mir, noch meinem Körper, noch meinem Fahrrad, ja, selbst das Fahrrad schien funktionsfähig und auch dem Auto war nichts passiert. Ob ich wirklich alleine nach Hause käme, fragte die Stimme und ob ich eine Telefonnummer hätte. Wegen der Versicherung.

fünfzehn

Beim neuen Pollesch eineinhalb Stunden entgeistert auf die Bühne gestarrt und mir ausgemalt, wer im Ensemble Sex mit wem hat, nur um die ganzen Lacher nicht hören zu müssen, nicht die aus Fremdscham in meinem Kopf, die Lacher aus dem Publikum, während Hinrichs uns unentwegt demütigt mit Geschrei und Gags über Kapitalismus und Einsamkeit. WOHIN MIT DEM VERSCHWINDEN DER MENSCHEN, schreit Hinrichs. Aber wenn ich mich im Raum umsehe, ist er voll, so voll an Menschen, fast jeder Platz ist besetzt mit mindestens einem Menschen und alle lachen, lachen sich frei, frei vom Denken, eineinhalb Stunden nicht denken, nur lachen über Kapitalismus und Einsamkeit. Hinrichs schreit sich die Seele aus dem Leib. Er kann den Text. Die Gags sitzen, sitzen seit zehn Jahren oder zwanzig Jahren. Sitzen seit die Menschen im Theater sitzen. Und das Publikum lacht. Es lacht bei dem Gag mit der Tiefe und dem Gag mit dem Schweigen und den Gags über Kapitalismus und Einsamkeit und bei dem Gag über das Gelingen. Das Publikum hat herzhaft gelacht.

vierzehn

Ich vermisse: Wildblumen. Ich liege im Gras am Bahnhof Büchen auf dem Weg von Travemünde nach Berlin und vermisse Wildblumen und den schnellen Transfer. Eine Streckenstörung hat sich zum Ausdruck gebracht, will an meiner Existenz teilhaben. Irgendwo eine Streckenstörung also oder ein Mensch hat sich zu Ende gedacht, das Bahnpersonal hält sich bedeckt – das ist jetzt kein Witz, sagt das Bahnpersonal und ich vermisse Wildblumen, einen schnellen Transfer und einen geöffneten Bahnhofkiosk an einem Sonntag im August, in Büchen, liege ich auf der Wiese und warte auf den nächsten Zug, eine Deutschlandflagge brennt einige Meter entfernt aus der Kleingartenanlage.

dreizehn

Die Herz-Lungen-Machine is running through my veins und um uns apart zu tearen braucht es gar keine Liebe, wir haben Tinder. Ich liege am Boden, im Gras, unter Bäumen und wundere mich nicht: Ich spüre das Leben als hätte ich eine neue Platte aufgelegt, als würde ich den einen Beat mit dem anderen mischen. Leben also, wie es durch mich hindurch geht. Leben also, wie es einfach da ist. Es sollte eine Wohltat sein. Wie ich hier so liege und lebe, ganz nah bin. Wie ich endlich die Augen schließe und einschlafe.

zwoelf

Warum fickst du mich nicht. Ich halte mich dir hin, übertrieben deutlich halte ich mich in dein Gesicht, in deine Arme, in deinen Schwanz, warum fickst du mich nicht? Verloren gegangen in einem Toilettenpapier-Blowjob sage ich dir, lost my mind. Da war dein Schamhaar auf dem Toilettensitz und ich hab mich gesetzt, ohne es wegzuwischen. Ich frage dich: Gehen Küsse in einer platonischen Beziehung? Oder verlassen sie uns dann auch. Du sagst, i can’t fuck her brain out und dann sagst du, i don’t know you und ich lache (nicht laut), who knows me, already. Du bist so schwach für mich, so schwach. Du hälst mich nicht aus.

elf

Ein einzelner Körper ist wenig Raum, irgendwas in Kubikmetern, und ich könnte problemlos jeden Tag in deinem Gesichtsloch ersaufen. Ich könnte auch an jeder anderen Tätigkeit zugrunde gehen, wenn du dich öffnest und sagst: You don’t need me, you have other partners, als würde die Sonne mit Absicht aus meinen Augen fließen. Aus einer plötzlichen Nähe heraus sage ich: Leave me alone, weil: Jede Liebe ist rough, ich brauche dafür keine Fesseln und Peitschen, wenn sie mich nicht befreien. Dein großes Gesichtsloch spricht zu mir (leider), wenn es nicht gerade zwischen meinen Beinen hängt, und während du zwischen meinen Beinen hängst, hörst du mich gar nicht, du hörst gar nicht zu, wie ich sage: I want you, um für den kurzen Zeitraum ein Orgasmus, dein Raum zu sein.