vierzehn

Ich vermisse: Wildblumen. Ich liege im Gras am Bahnhof Büchen auf dem Weg von Travemünde nach Berlin und vermisse Wildblumen und den schnellen Transfer. Eine Streckenstörung hat sich zum Ausdruck gebracht, will an meiner Existenz teilhaben. Irgendwo eine Streckenstörung also oder ein Mensch hat sich zu Ende gedacht, das Bahnpersonal hält sich bedeckt – das ist jetzt kein Witz, sagt das Bahnpersonal und ich vermisse Wildblumen, einen schnellen Transfer und einen geöffneten Bahnhofkiosk an einem Sonntag im August, in Büchen, liege ich auf der Wiese und warte auf den nächsten Zug, eine Deutschlandflagge brennt einige Meter entfernt aus der Kleingartenanlage.

neun

In Helens warmen Armen denke ich an Sarah. Ich denke auch oft an Helen, wenn Sarah neben mir auf der Couch sitzt. Letzten Samstag zum Beispiel, als sie zu erst im Badezimmer weinte, dann auf der Couch. All ihre Shirts sind im Kragen ausgeschnitten, so weit ich weiß. Sie rutschen ihr über die geraden Schultern. Dann kommen ihre Schlüsselbeine zum Vorschein. Ich will sie dennoch nicht ficken und denke an Helen. Helen ist anders. Nicht so verletzlich. Egal wie hart ich sie schlage, es ist ihr niemals zu viel. Ich kann sie schlagen und quälen und ihr das Hirn raus ficken. Helen weint nicht. Sie lacht und will mehr.

acht

Ich bin ein Sirenengesang. Ich kann nur an meine Vulva denken. Ich masturbier alle zwei stunden zum immer gleichen Song und will harten Sex aber Andrew legt nur seinen Kopf auf meine Schultern. Wir liegen Kopf an Kopf ineinander. Wir schauen eine Folge Broad City. Ich habe noch nichts von meinem Non-Bio-Cock erzählt.

fünf

Mit der Müdigkeit kommt die Distanz: Unsere im jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt diffundierten Existenbegründungen fließen auseinander, schnellen zurück in ihre jeweilige Ausgangsposition, du liebst dein Alleinsein, wie ich das Rauchen, jede_r hat ein lieb gewonnenes Narrativ, der Alltag muss erträglich gestaltet werden, also weniger wissen wollen, nicht aufschauen, wenn du dich aus meinem Bett verabschiedest, wenn unsere Erzählstränge enden, eine Umarmung oder ein Kuss, wir wissen es nicht. Abschied ist Chaos.

drei

Es gäbe keine medizinische Indikation mir den Uterus entfernen zu lassen; der Psychoterror, den ich durch ein für mich nutzloses Organ erfahre, dieser uterale Determinismus, zehn Tage high, zehn tage down, ist also kein medizinisch ausreichender Grund. Der hier vorliegende „nicht ausreichende Grund“ ist vor allem das politische Interesse an meinem Körper. Dass Menschen mit Uterus nicht frei darüber entscheiden dürfen, wie sie mit ihrem Körper umgehen, sondern immer auch in die eine oder andere Fortpflanzungsideologie gezwungen sind.

eins

Blutige Kopfwunde verursacht durch zu viel Keta unter der Dusche. Es ist eine sehr laue Sommernacht und ich verstehe nicht, warum ich gerade JETZT alleine bin, obwohl ich immer behaupte, gerne alleine zu sein und das stimmt ja auch: Allein-sein ist meine bevorzugte Daseinsform. Ich kann ja kaum denken in der Nähe von anderen, so ganz und gar er-füllt vom Anderen. Drei Tage wegen Regen eingesperrt in einem Hotelzimmer in Wuppertal und ich fragte Väinö: Was würdest du tun, wenn ich jetzt unten eine rauchen gehe und nie wieder zurück komme? Ich würde nach Hause fahren, sagte Väinö, du bist ja erwachsen und kannst machen, was du willst. Würdest du dir keine Sorgen machen, wenn ich einfach so verschwinde, fragte ich. Väinö zuckte mit den Schultern und behauptete, ich hätte schon meine Gründe, einfach so zu verschwinden, das wäre schon okay und wir haben nicht überlebt und heute, in dieser lauen Sommernacht, bin ich so allein, es ist ohne Keta kaum auszuhalten und während das Betäubungsmittel langsam alle körperlichen Funktionen blockiert, bin ich schon auf dem Weg in den Volkspark: Bis ganz nach oben will ich, ich will auf den Steinstufen liegen und in den Himmel starren, oder vom Berg in die Stadt starren, ich will in die Umarmung einer letzten warmen Sommernacht. Nur versagen meine Knie auf halber Strecke. Beim Versuch umzukehren, versagen auch meine Augen oder es ist dunkel, so dunkel im Volkspark, dass ich eine falsche Biegung nehme, mich in den Parkwindungen verliere, vermutlich geht es bergab, irgendwo weiter weg ein Rave, ich spüre die Beats auf dem aufgewärmten Asphalt. Um überhaupt vorwärts zu kommen, gehe ich in die Knie, Krebsgang erscheint mir am stabilste, Zentimeter für Zentimeter krabble ich über den Boden und bete, nicht entdeckt, nicht aus Versehen vergewaltigt zu werden. Totaler Kontrollverlust, erzähle ich Fin, nichts geht mehr aber es ist auch egal, ich bleibe irgendwo auf dem Weg oder auf einer Rasenfläche oder in einem Gebüsch liegen, versteckte mich bis das Keta nachlas und als ich es endlich nach Hase geschafft hatte, zog ich eilig die nächste Line: Lass mich diese Nacht vergessen! Und rutschte unter der Dusche aus. Mit dem Kopf gegen die Wand. Allen ausser Fin erzähle ich von einem Fahrradunfall, unachtsame_r Rechtsabbieger_in. Es ist plausibel. Ich erhalte Mitgefühl.