fünfzehn

Beim neuen Pollesch eineinhalb Stunden entgeistert auf die Bühne gestarrt und mir ausgemalt, wer im Ensemble Sex mit wem hat, nur um die ganzen Lacher nicht hören zu müssen, nicht die aus Fremdscham in meinem Kopf, die Lacher aus dem Publikum, während Hinrichs uns unentwegt demütigt mit Geschrei und Gags über Kapitalismus und Einsamkeit. WOHIN MIT DEM VERSCHWINDEN DER MENSCHEN, schreit Hinrichs. Aber wenn ich mich im Raum umsehe, ist er voll, so voll an Menschen, fast jeder Platz ist besetzt mit mindestens einem Menschen und alle lachen, lachen sich frei, frei vom Denken, eineinhalb Stunden nicht denken, nur lachen über Kapitalismus und Einsamkeit. Hinrichs schreit sich die Seele aus dem Leib. Er kann den Text. Die Gags sitzen, sitzen seit zehn Jahren oder zwanzig Jahren. Sitzen seit die Menschen im Theater sitzen. Und das Publikum lacht. Es lacht bei dem Gag mit der Tiefe und dem Gag mit dem Schweigen und den Gags über Kapitalismus und Einsamkeit und bei dem Gag über das Gelingen. Das Publikum hat herzhaft gelacht.

fünf

Mit der Müdigkeit kommt die Distanz: Unsere im jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt und jetzt diffundierten Existenbegründungen fließen auseinander, schnellen zurück in ihre jeweilige Ausgangsposition, du liebst dein Alleinsein, wie ich das Rauchen, jede_r hat ein lieb gewonnenes Narrativ, der Alltag muss erträglich gestaltet werden, also weniger wissen wollen, nicht aufschauen, wenn du dich aus meinem Bett verabschiedest, wenn unsere Erzählstränge enden, eine Umarmung oder ein Kuss, wir wissen es nicht. Abschied ist Chaos.

eins

Blutige Kopfwunde verursacht durch zu viel Keta unter der Dusche. Es ist eine sehr laue Sommernacht und ich verstehe nicht, warum ich gerade JETZT alleine bin, obwohl ich immer behaupte, gerne alleine zu sein und das stimmt ja auch: Allein-sein ist meine bevorzugte Daseinsform. Ich kann ja kaum denken in der Nähe von anderen, so ganz und gar er-füllt vom Anderen. Drei Tage wegen Regen eingesperrt in einem Hotelzimmer in Wuppertal und ich fragte Väinö: Was würdest du tun, wenn ich jetzt unten eine rauchen gehe und nie wieder zurück komme? Ich würde nach Hause fahren, sagte Väinö, du bist ja erwachsen und kannst machen, was du willst. Würdest du dir keine Sorgen machen, wenn ich einfach so verschwinde, fragte ich. Väinö zuckte mit den Schultern und behauptete, ich hätte schon meine Gründe, einfach so zu verschwinden, das wäre schon okay und wir haben nicht überlebt und heute, in dieser lauen Sommernacht, bin ich so allein, es ist ohne Keta kaum auszuhalten und während das Betäubungsmittel langsam alle körperlichen Funktionen blockiert, bin ich schon auf dem Weg in den Volkspark: Bis ganz nach oben will ich, ich will auf den Steinstufen liegen und in den Himmel starren, oder vom Berg in die Stadt starren, ich will in die Umarmung einer letzten warmen Sommernacht. Nur versagen meine Knie auf halber Strecke. Beim Versuch umzukehren, versagen auch meine Augen oder es ist dunkel, so dunkel im Volkspark, dass ich eine falsche Biegung nehme, mich in den Parkwindungen verliere, vermutlich geht es bergab, irgendwo weiter weg ein Rave, ich spüre die Beats auf dem aufgewärmten Asphalt. Um überhaupt vorwärts zu kommen, gehe ich in die Knie, Krebsgang erscheint mir am stabilste, Zentimeter für Zentimeter krabble ich über den Boden und bete, nicht entdeckt, nicht aus Versehen vergewaltigt zu werden. Totaler Kontrollverlust, erzähle ich Fin, nichts geht mehr aber es ist auch egal, ich bleibe irgendwo auf dem Weg oder auf einer Rasenfläche oder in einem Gebüsch liegen, versteckte mich bis das Keta nachlas und als ich es endlich nach Hase geschafft hatte, zog ich eilig die nächste Line: Lass mich diese Nacht vergessen! Und rutschte unter der Dusche aus. Mit dem Kopf gegen die Wand. Allen ausser Fin erzähle ich von einem Fahrradunfall, unachtsame_r Rechtsabbieger_in. Es ist plausibel. Ich erhalte Mitgefühl.