sechszehn

Wahrscheinlich war es Zufall aber als ich gerade auf dem Fahrrad die Oderstraßenbrücke überquerte, überkam meinen Körper die ungetrübte Gewissheit, nicht mehr leben zu wollen. Ich sah ihn über das Geländer klettern und auf die Schienen stürzen. Das würde kein Problem darstellen, er hatte viel trainiert in den letzten Monaten, war häufig im Fitnessstudio gewesen, hatte ausreichend Muskeln aufgebaut, es wäre ein leichtes, ihn über das Geländer zu heben und Fallen, Fallen war wirklich einfach. Mein Körper hatte nicht ein mal mehr Angst, so klar war ihm diese Gewissheit, so klar und eindeutig wusste er mit einem mal, dass seine Existenz weder mit Freude, noch mit Sinn angereichert war. Er fand nicht nur sein eigenes Menschsein überflüssig, sondern die ganze Menschheit an sich erbärmlich und nicht für erhaltenswert. Wahrscheinlich war es Zufall aber als ich einige Meter später die Kreuzung zur Mariannenstraße überquerte, überkam meinen Körper solch ein heftiger Druck, dass ich uns nach einigen Sekunden der Orientierungslosigkeit auf der Straße liegend wiederfand. Eine aufgebrachte Stimme fragte immer wieder, ob alles in Ordnung sei und ohne wirklich zu wissen, ob alles in Ordnung war, schlicht dem Impuls folgend, die Stimme würde in Folge einer positiven Antwort endlich verstummen, sagte ich: ja. Erst dann begriff ich, dass ich auf der Straße lag, weil ich auf dem Fahrrad sitzend von einem Auto erfasst wurde. Ich war ohne auf den Verkehr zu achten, auf die Kreuzung zugefahren und da half auch das reaktionsschnelle Bremsen der lauten Stimme hinter dem Steuer nichts, das Auto erfasste mich, offenbar war mein Körper mehrere Meter über die Straße geschlittert und so lag er nun da, zum Teil begraben unter meinem Fahrrad und immer noch fragte die Stimme, ob alles in Ordnung sei, ob ich sie denn nicht gesehen hätte, dass ich keine Vorfahrt gehabt hätte, ob sie einen Rettungswagen rufen solle. Ich versuchte den Kopf zu schütteln aber da, wo sonst der Hals war, war nur noch eine Masse von Zellen, über die ich offenbar keine Befugnis mehr hatte. Auch wenn ich versuchte, einen anderen Teil meines Körpers zu bewegen, war da nichts, keine Arme oder Beine, nur dieses Ja, das ich vor einer ganzen Weile zur Beruhigung der Frauenstimme meinem Mund entrungen hatte. Es dauerte eine Weile, bis mein Körper zu mir zurück fand, bis ich den Kopf schütteln und meine Arme heben konnte. Aber nach einer Weile war dann doch alles wieder da, meine Arme und Beine wanden sich unter dem Fahrrad empor. Ja, alles noch intakt und funktionsfähig. Auf der rechten Seite suchte sich langsam ein brennender Schmerz seine Bahnen. Auch das ein Lebenszeichen, dachte ich und versicherte der Frau ein weiteres Mal, dass es mir gut gehe. Es war mir wohl wirklich nichts passiert, weder mir, noch meinem Körper, noch meinem Fahrrad, ja, selbst das Fahrrad schien funktionsfähig und auch dem Auto war nichts passiert. Ob ich wirklich alleine nach Hause käme, fragte die Stimme und ob ich eine Telefonnummer hätte. Wegen der Versicherung.

fünfzehn

Beim neuen Pollesch eineinhalb Stunden entgeistert auf die Bühne gestarrt und mir ausgemalt, wer im Ensemble Sex mit wem hat, nur um die ganzen Lacher nicht hören zu müssen, nicht die aus Fremdscham in meinem Kopf, die Lacher aus dem Publikum, während Hinrichs uns unentwegt demütigt mit Geschrei und Gags über Kapitalismus und Einsamkeit. WOHIN MIT DEM VERSCHWINDEN DER MENSCHEN, schreit Hinrichs. Aber wenn ich mich im Raum umsehe, ist er voll, so voll an Menschen, fast jeder Platz ist besetzt mit mindestens einem Menschen und alle lachen, lachen sich frei, frei vom Denken, eineinhalb Stunden nicht denken, nur lachen über Kapitalismus und Einsamkeit. Hinrichs schreit sich die Seele aus dem Leib. Er kann den Text. Die Gags sitzen, sitzen seit zehn Jahren oder zwanzig Jahren. Sitzen seit die Menschen im Theater sitzen. Und das Publikum lacht. Es lacht bei dem Gag mit der Tiefe und dem Gag mit dem Schweigen und den Gags über Kapitalismus und Einsamkeit und bei dem Gag über das Gelingen. Das Publikum hat herzhaft gelacht.

sechs

Auch an diesem Morgen bin ich erwacht und zur Arbeit gefahren. Zuvor saß ich einige Stunden auf der Couch. Seit zwei Tagen steht sie links an der Wand statt mittig vor dem Fenster. Dabei sind meine Vorhänge immer verschlossen. Egal wie die Couch im Raum positioniert ist, ich schaue nicht aus dem Fenster. Ich schaue immer in den Raum.