siebzehn

Im Entzug. Wenn du nicht mehr weiter weißt, tritt einen Schritt zurück, verschaff dir ein größeren Überblick, betrachte das Gesamtbild. Eine Verrücktheit im Grunde, sich immer wieder auszusetzen, den Anderen auszusetzen und dann fragen sie: ist das real und ich hab gar keine Antworten mehr, ich kann mich nur aussetzen und aussetzen im Wechsel; im Wechselspiel der Gefühle sitzen wir uns gegenüber und du redest oder ich, es macht bald keinen Unterschied, im Kopf ist es das selbe, jede Begegnung gerinnt.

fünfzehn

Beim neuen Pollesch eineinhalb Stunden entgeistert auf die Bühne gestarrt und mir ausgemalt, wer im Ensemble Sex mit wem hat, nur um die ganzen Lacher nicht hören zu müssen, nicht die aus Fremdscham in meinem Kopf, die Lacher aus dem Publikum, während Hinrichs uns unentwegt demütigt mit Geschrei und Gags über Kapitalismus und Einsamkeit. WOHIN MIT DEM VERSCHWINDEN DER MENSCHEN, schreit Hinrichs. Aber wenn ich mich im Raum umsehe, ist er voll, so voll an Menschen, fast jeder Platz ist besetzt mit mindestens einem Menschen und alle lachen, lachen sich frei, frei vom Denken, eineinhalb Stunden nicht denken, nur lachen über Kapitalismus und Einsamkeit. Hinrichs schreit sich die Seele aus dem Leib. Er kann den Text. Die Gags sitzen, sitzen seit zehn Jahren oder zwanzig Jahren. Sitzen seit die Menschen im Theater sitzen. Und das Publikum lacht. Es lacht bei dem Gag mit der Tiefe und dem Gag mit dem Schweigen und den Gags über Kapitalismus und Einsamkeit und bei dem Gag über das Gelingen. Das Publikum hat herzhaft gelacht.

dreizehn

Die Herz-Lungen-Machine is running through my veins und um uns apart zu tearen braucht es gar keine Liebe, wir haben Tinder. Ich liege am Boden, im Gras, unter Bäumen und wundere mich nicht: Ich spüre das Leben als hätte ich eine neue Platte aufgelegt, als würde ich den einen Beat mit dem anderen mischen. Leben also, wie es durch mich hindurch geht. Leben also, wie es einfach da ist. Es sollte eine Wohltat sein. Wie ich hier so liege und lebe, ganz nah bin. Wie ich endlich die Augen schließe und einschlafe.

elf

Ein einzelner Körper ist wenig Raum, irgendwas in Kubikmetern, und ich könnte problemlos jeden Tag in deinem Gesichtsloch ersaufen. Ich könnte auch an jeder anderen Tätigkeit zugrunde gehen, wenn du dich öffnest und sagst: You don’t need me, you have other partners, als würde die Sonne mit Absicht aus meinen Augen fließen. Aus einer plötzlichen Nähe heraus sage ich: Leave me alone, weil: Jede Liebe ist rough, ich brauche dafür keine Fesseln und Peitschen, wenn sie mich nicht befreien. Dein großes Gesichtsloch spricht zu mir (leider), wenn es nicht gerade zwischen meinen Beinen hängt, und während du zwischen meinen Beinen hängst, hörst du mich gar nicht, du hörst gar nicht zu, wie ich sage: I want you, um für den kurzen Zeitraum ein Orgasmus, dein Raum zu sein.

zehn

Wir liegen eng aneinander geschmiegt auf dem bisschen Bett, das trocken geblieben ist. „Do you know JT LeRoy?“, frage ich. Myles kennt JT LeRoy nicht. Seit Wochen frage ich jede_n Fuck, Freund_in, fast jede Person, die mir begegnet, nach JT LeRoy. Ich kannte JT LeRoy auch nicht.

neun

In Helens warmen Armen denke ich an Sarah. Ich denke auch oft an Helen, wenn Sarah neben mir auf der Couch sitzt. Letzten Samstag zum Beispiel, als sie zu erst im Badezimmer weinte, dann auf der Couch. All ihre Shirts sind im Kragen ausgeschnitten, so weit ich weiß. Sie rutschen ihr über die geraden Schultern. Dann kommen ihre Schlüsselbeine zum Vorschein. Ich will sie dennoch nicht ficken und denke an Helen. Helen ist anders. Nicht so verletzlich. Egal wie hart ich sie schlage, es ist ihr niemals zu viel. Ich kann sie schlagen und quälen und ihr das Hirn raus ficken. Helen weint nicht. Sie lacht und will mehr.

sieben

Und irgendwann war es dann doch endgültig aus und zu Ende und Schluss. Ich liege am Boden, im Gras, unter Bäumen und wundere mich nicht: mein Körper revoltiert, gibt, in sich ruhig anbahnenden Wellen, wilde Zuckungen von sich, als wolle er etwas sagen, als wolle er etwas mitteilen, als gäbe es etwas zu teilen in diesem, seinem Innenraum. Ich liege am Boden, im Gras, unter Bäumen und wundere mich nicht: mein Körper revoltiert, veräussert sich in ruhig anbahnenden Wellen, will sich äussern, zum Ausdruck bringen. Da kommt aber nichts mehr. Ich habe in den letzten Stunden, Tagen, ich weiß nicht mehr wann, nichts mehr zu mir genommen. Ich breche leer vor mich hin unter Bäumen, im Gras. Irgendwann hört das Ringen auf. Die Zuckungen werden seltener. Irgendwann ist er erschöpft, dieser Körper. Wehrt sich nicht mehr. Dann lieg ich da: bewegungslos.